Die arabische Welt in Aufruhr

Razan Ghazzawi: “Eingeschlossen im Damaskus Vorort Al-Tal”

06 September

razan-teaser

“Er war ein 17-jähriger Aktivist aus Dar’a. Er hatte ein kleines Motorrad, mit dem er von Stadt zu Stadt fuhr. Er hatte seine USB-Sticks dabei mit Videos zum Hochladen. Er war eine meiner Hauptquellen, ehe er von einem Scharfschützen des Regimes erschossen wurde.”

Das erzählte mir mein Freund Abu Abdalla auf Skype, während ich mir einen schönen Abend in Damaskus machte. Ich hörte auf, Tee zu trinken; dann erzählte er mir, dass seine Freunde in seiner Heimatstadt Tal nordwestlich von Damaskus festsäßen.

Am 8. August hat der Syrische Nationalrat für Al-Tal, einen Vorort von Damaskus, den Notstand ausgerufen. Die Regierungsarmee besetzte die Stadt und kappte Wasser- und Stromversorgung sowie das Telefonnetz einschließlich Internet. Die Bombardierung begann am Donnerstag, 9. August, und dauerte wochenlang, wobei mehr als 160 Menschen getötet wurden.

Ich fragte Abu Abdulla, ob es möglich sei, eine Konferenzschaltung mit seinen in At-Tal festsitzenden Freunden aufzubauen, und das tat er. Ich hatte das Privileg, am folgenden Tag Qusai, Ashor und “Renewed Hope” zu interviewen.

“Unsere Stadt ist zerstört”, tippt Ashor, ein Hilfsaktivist und Besitzer eines Lebensmittelladens, der gerade erst eröffnet wurde, um die Menschen, die in der besetzten Stadt bleiben, mit Nahrungsmitteln zu versorgen. “Im Juli letzten Jahres”, fährt er fort, “verteilten wir Datteln und Wasser an die Regierungstruppen*, wir organisierten einen “Streik für Würde” in Zusammenarbeit mit Ladenbesitzern**, wir starteten Anti-Sektierertum-Kampagnen***, wir haben hart gearbeitet und Hervorragendes geleistet.” Stolz zählt Ashor beispielhaft Revolutionäre in Al-Tal auf, doch er ist hilflos angesichts der Entwicklung der Situation.

“Es tut mir leid”, sagt Qusai, “meine Internetverbindung hier ist sehr schlecht, sie könnte abgeschnitten werden, während ich tippe.”

Qusai ist Sprecher des Koordinationskomitees in At-Tal, er wird ständig kontaktiert von arabischen Fernsehsendern, die etwas über die neueste Entwicklung der Lage in der Stadt erfahren wollen. Er erklärt, dass die Hilfslieferungen At-Tal monatelang nicht erreicht haben, und er weist darauf hin, dass ohne die ortsansässigen Läden viele Familien heimatlos und ohne Nahrung wären.

 Meinen Versuch, den jungen Mann zu fragen, wie sie sich in den vergangenen Tagen gefühlt haben, ignorierte Ashor und tippte:

“Vor kurzem erst waren wir beispielsweise bei einer Frau, die drei ihrer Kinder verloren hat. Wir gingen zu ihr, um ihr in ihrem Elend unser Beileid auszusprechen.”

“Bis jetzt kann sie nicht glauben, dass sie tot sind! Obwohl sie jetzt begraben sind, bat sie uns zu prüfen, ob sie wirklich tot sind. Sie scheint nicht mitzubekommen, was um sie herum geschieht. Mit solchen Dingen haben wir hier zu tun.” Ashor hört auf zu tippen.

Renewed Hope meldet sich und tippt: “Die jungen Leute haben sich verändert. Wir haben uns für unsere Frisuren interessiert, junge Männer haben sich für ihre Freundinnen interessiert, ob wir ihnen gefielen oder nicht … Jetzt begegnet man einem 17-Jährigen und sieht, dass er an nichts anderes als an den Schutz seines Landes denkt.”

Ashor unterbricht seinen Freund und schreibt: “Ich hatte früher Angst vor dem Tod; beim Anblick von Toten fürchtete ich mich. Es hat mich beunruhigt, aber als das Bombardieren unserer Stadt anfing und wir die Märtyrer sahen und die Verletzten bargen, mit diesen meinen Händen und Renewed Hopes Händen, da trugen wir die Märtyrer weg und beerdigten sie.” Renewed Hope unterbricht wieder: “Wir können nicht mehr weinen.”

Die jungen Männer unterbrechen einandern abwechselnd während der ganzen Konferenzschaltung. Es schien fast, als wollten sie alles rauslassen.

“Aber ich bin mitfühlender geworden”, fügt Qusai hinzu, ehe er unsere Konferenzschaltung verlässt, “es ist ein normales Gefühl, dass man sterben möchte, wenn man das alles erlebt, aber wir verbringen den Tag damit, umherzurennen und Leben zu retten.”

Über dieselebe Leitung wie Qusai baten die jungen Männer darum, die Konferenzschaltung verlassen zu dürfen, um ihre Arbeit fortzusetzen.

Ich dankte ihnen für ihre Zeit, schloss mein Laptop und konnte mir nicht mehr vorstellen, einen weiteren schönen Tag in dem ruhigeren Damaskus verbringen zu können.

 

© Photo:  Al-Tal City Coordination,  Text auf der Fahne: Lieber Revolutionär, aus deinen Handlungen spricht eine revolutionäre Moral, lasst uns verantwortlich handeln.


* Diese Kampagne wurde organisiert, um die Regierungstruppen zu ermutigen, sich ohne Gewalt gegen Zivilisten

 zurückzuziehen. Solche Kampagnen wurden auch in Darayya, einem Vorort von Damaskus, organisiert, dabei wurden Rosen und Wasser verteilt.

 ** “Streik für Würde” ist eine Streikkampagne, die syrische Revolutionäre in mehreren syrischen Städten und Dörfern organisiert haben. Die Aktivisten versuchten, einen friedlichen Verlauf der Revolution zu erreichen, indem sie nach und nach zu zivilem Ungehorsam ermutigten.

 *** Ashor und Renewed Hope erwähnten später einen sektiererischen Vorfall in at-Tall, bei dem ein Minibus-Fahrer auf der Fahrt Christen beschimpfte. Die Aktivisten organisierten sich und verteilten an diesem Tag Blumen an Christen in der Nachbarschaft, und bei Demonstrationen trugen sie Fahnen mit den Werten der Revolution und der nationalen Einheit.

 

Das Video zeigt einen ungewöhnlichen Dialog zwischen Demonstranten und Regimetruppen, wie er nur an Orten stattfinden kann, die  friedliche Formen des Widerstands pflegen. Der Demonstrant, der das Mikrofon hält, wendet sich an die Regierungsarmee und sagt: “Wir sind eine Hand, wir sind eine Hand” und betont dabei ihre Einheit.


Razan Ghazzawi ist eine 32-jährige syrische Bloggerin aus Damaskus. Sie setzt sich für die Menschenrechte ein, nicht nur in ihrem Heimatland Syrien, sondern in der ganzen arabischen Welt und darüber hinaus.

 Sie ist zwei Mal vom Assad-Regime verhaftet worden und steht nun vor einem Militärgericht. Razan hat Anglistik studiert und 2011 ihren Master in Vergleichender Literaturwissenschaft an der Universtität Balamand gemacht. Vor einigen Jahren begann sie unter dem Namen “Golaniya 7″ zu bloggen, doch vor 5 Jahren entschied sie sich, unter ihrem richtigen Namen zu schreiben. Kürzlich hat sie den “Front Line Defenders”-Preis 2012 für Menschenrechtler erhalten.

Man kann Razan auf Twitter folgen unter @RedRazan oder direkt auf ihrem Blog kommentieren unter razanghazzawi.org


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