Die arabische Welt in Aufruhr

Merzak Allouache: „Bilder machen Angst!“

30 September


Kehren wir zur Geschichte des algerischen Films mit Merzak Allouache zurück, der sowohl im Kino („Omar Gatlato“) wie auch in Dokumentarfilmen („Vie et mort des journalistes algériens /Leben und Tod algerischer Journalisten“, für ARTE gedreht) oder in fiktiven und humoristischen Sendungen heimisch ist (er hat gerade „The Bay of Algiers“ für das algerische Fernsehen fertiggestellt). Der international bekannte Regisseur, der bereits 1994 den religiösen Integrismus in „Bab el-Oued City“anprangerte, bewies, dass er sowohl fähig ist, die grausame Realität des Krieges und der Überfahrten heimlicher Immigranten (“Harragas“)zu filmen, als auch die Mechanismen des Lachens beherrscht (“Chouchou”).

Haben sich die Bedingungen, unter denen Kino in Algerien gemacht wird, seit dem arabischen Frühling verändert? Können Sie uns berichten, wie es vor und nach der Revolution war?
 
Merzak Allouache: Die Bedingungen für die Dreharbeiten, die Art und Weise, wie Filme gemacht werden, wurde in Algerien weiterentwickelt, seit das Land unabhängig ist. Denn in den ersten Jahren der Unabhängigkeit wollte Algerien ein sozialistisches Land sein, mit einer Zentralisierung der Kultur, einer Zentralisierung der Information, mit einer Einheitspartei. Deshalb gab es ein Kinozentrum, die Regisseure waren angestellt, es gab eine Kinoproduktion. Und das bis Ende der 80er Jahre. Danach ist man zu einem anderen politischen System übergegangen, zu einem liberalen System. Alle staatlichen Strukturen, die bei der Produktion halfen, die produzierten, die verbreiteten, und denen auch die Säle gehörten, der ganze Kreislauf, von der Produktion bis zur Verbreitung, war zentralisiert. Das ganze System ist zusammengebrochen, und das Kino wurde privatisiert.

Wer eine Produktionsgesellschaft haben wollte, konnte eine Produktionsgesellschaft haben, konnte Filme produzieren. Das Problem war nur, dass es praktisch keine Finanzierung mehr gab. Seitdem gibt es eine finanzielle Unterstützung, die nicht ausreicht, und eine Kommission, die die Drehbücher liest und die die Finanzmittel verteilt. Aber es handelt sich dabei um sehr kleine Summen im Vergleich zu den Kosten eines Films. Und das ist das Problem: bei dieser Kommission gibt es bis heute eine Art Zensur, eine Art Lenkung. Denn wie alle Regisseure innerhalb und außerhalb des Landes wissen, gibt es seit der Unabhängigkeit Algeriens ein Misstrauen gegenüber Bildern, gegenüber dem Ton, gegenüber den Geschichten, die erzählt werden. Und dieses Misstrauen ist noch größer gegenüber allem, was im algerischen Fernsehen gezeigt werden kann. Ein Großteil meiner Filme wurde nie im algerischen Fernsehen ausgestrahlt. Besonders die Filme, die ich seit 1993 machen konnte, darunter auch ein Film, der vom Terrorismus handelt, von islamistischer Politik, von Gewalt usw. Doch seitdem tut sich etwas, die Regisseure gehören jetzt einer neuen Generation an. Man muss also sehen, was die junge Generation macht. Von den alten Regisseuren haben viele resigniert, weil sie ihre Projekte nicht durchführen konnten. Und es gibt so eine Art Katz-und-Maus-Spiel mit den Drehbüchern, mit der Zensur.

Und seit dem arabischen Frühling?

Merzak Allouache: Seit dem arabischen Frühling habe ich noch keine neuen Filme gesehen. Ich weiß also nicht ob das, was in den arabischen Ländern passiert, was die Literatur beeinflusst hat, ob das auch neue Filme hervorbringt. Im Oktober findet Maghreb des Films (http://maghrebdesfilms.fr/) statt. Das ist ein kleines Festival in Paris, bei dem Filme aus dem Maghreb gezeigt werden. Und ich habe gehört, dass es dort mehrere Kurzfilme geben soll, die erst vor kurzem in Algerien gedreht wurden. Aber ich weiß nicht, um was es geht, von was sie handeln. Da es immer Probleme mit der Finanzierung gibt, dauert es immer sehr lange, bis ein Film fertig wird. Ich weiß nicht, ob es jetzt schon einen fertigen Film geben kann, der erst nach Februar gedreht wurde. Ich habe noch nicht mit den jungen Regisseuren gesprochen, ich weiß nicht, ob die Ereignisse sie wirklich beeinflusst haben. Aber natürlich hört man davon, was in den Nachbarländern passiert, und jeder möchte sich frei äußern können.

Was die Redefreiheit betrifft, glauben Sie, dass man in Zukunft über Themen sprechen kann, die vorher tabu waren? Oder auf andere Art über die Themen sprechen kann? Gibt es diese Hoffnung?

Merzak Allouache: Was die Redefreiheit betrifft bin ich bisher nicht sehr optimistisch. Denn wie ich bereits gesagt habe: Bilder machen Angst. Was dagegen nicht mehr kontrolliert werden kann, sind Amateurbilder. Unabhängige Bilder, die über Internet verbreitet werden, über soziale Netzwerke wie Facebook oder Youtube. Und da kann sich wirklich jeder nach Herzenslust betätigen. Immer mehr Jugendliche schließen sich diesen Netzwerken an und sehen diese Bilder. Die Bilder werden sehr schnell aufgenommen und gezeigt. In Algerien gibt es beispielsweise täglich Unruhen, irgendwo im Land, und diese Unruhen werden sofort mit Mobiltelefonen gefilmt und können überall angeschaut werden. Was das aktuelle Geschehen betrifft, so kann das keiner verhindern. Außer natürlich, wenn man das Internet sperrt, wie das in manchen Ländern zu bestimmten Zeiten der Fall war. Was dagegen Spielfilme und Dokumentationen betrifft, scheint das viel schwieriger zu sein. In Algerien haben wir keinen Ausnahmezustand mehr, aber eine Kamera, die herausgeholt wird, braucht eine Dreherlaubnis. Man kann also nicht ohne Dreherlaubnis filmen oder Fotos aufnehmen. Es gibt also diese Situation, die zu einer automatischen Zensur führt: wenn man einen Druck verspürt, wird automatisch zensiert.

Zu dem, was sich zurzeit in der arabischen Welt abspielt, zu den Informationen, die uns aus Algerien erreichen, sei gesagt, dass es dort immer so aussah, als werde nach demokratischen Lösungen für alle Probleme des Landes gesucht. Und es ist ein reiches Land, vergessen wir das nicht. Aber auch ein Land, in dem die Jugendlichen wirklich sehr unglücklich sind. Ein Land, in dem die Jugendlichen in Booten aufbrechen, und trotz aller Gefahren versuchen, das Meer zu überqueren… Ich denke, das Land muss sich endlich der Demokratie öffnen! Ich glaube, dass allen in Algerien bewusst ist, dass eine Demokratisierung notwendig ist. Und wenn das Land demokratischer wird, wird auch der Fluss der Ideen davon profitieren, und damit auch das künstlerische Schaffen, das Kino, das Theater usw.

Kommen wir nun zu einer letzten Frage, die ich Ihnen stellen möchte: Wie definieren Sie persönlich Demokratie?

Merzak Allouache: Für mich bedeutet Demokratie, dass jeder Bürger frei seine Meinung äußern kann, und man ihn nicht gewaltsam dazu drängen muss, seine Meinung zu sagen. Denn wenn man den Bürgern hier eine Alternative zur Gewalt bietet, werden sie ihre Meinung äußern wie auch die Bürger in Europa ihre Meinung äußern, demonstrieren, wählen, teilnehmen, Vereinigungen gründen usw.

Interview: Sabine Lange

Alle Interviews aus der Reihe zum arabischen Kino

 


 Merzak ALLOUACHE – Biographie und Filographie

Merzak Allouache beendete 1964 seine Filmausbildung in der Regieabteilung des Institut National du Cinéma von Algier, wo er als Ausbildungsabschluss den Film „Croisement“ drehte. Nach „Le Voleur“, seinem ersten Kurzfilm, ergänzt er seine Ausbildung durch Praktika an der Filmhochschule IDHEC (1967) und bei der französischen Rundfunkanstalt ORTF (1968). Außerdem arbeitet er als Assistent an verschiedenen Filmen. Merzak Allouache drehte Dokumentarfilme, Comedy-Sendungen für das algerische Fernsehen und mehrere Spielfilme, darunter Omar Gatlato, der 1977 bei der Internationalen Woche der Filmkritik gezeigt wurde, Bab El-Oued City, der 1944 in der Reihe Un Certain Regard (Ein gewisser Blick) vorgestellt wurde, sowie die Komödie Salut Cousin!, die 1996 bei der Quinzaine des Réalisateurs gewählt wurde.

Nach einer Dokumentation für Arte (Vie et mort des journalistes algériens – Leben und Tod algerischer Journalisten) und mehrerer Fernsehfilme widmet sich der Regisseur 2001 wieder dem Kino mit L’Autre monde. Ein Jahr später drängt er seinen Freund Gad Elmaleh, den er sieben Jahre zuvor beim Dreh von Salut Cousin! kennengelernt hatte, eine der Figuren seiner One-Man Show, den romantischen Travestiten Chouchou, ins Kino zu bringen. Und zwar in einer Komödie, bei der er selbst Regie führt. Merzak Allouache bleibt diesem Register treu und knüpft wieder an seine Wurzeln an, indem er 2004 in Bab El web mit dem Trio Faudel, Samy Naceri und Julie Gayet Regie führt. Ein leichter Film, der das Thema der Internetbekanntschaften in Algerien auf die Leinwand bringt.

blog comments powered by Disqus