Die arabische Welt in Aufruhr

Danielle Arbid: “Im Libanon hat man das Gefühl, auf einem Vulkan zu leben”

20 Januar


Obwohl in seinem Herkunftsland zensiert, wurde “Beirut Hotel”, der dritte Spielfilm der franko-libanesischen Regisseurin Danielle Arbid, am 20. Januar bei uns ausgestrahlt. Diese ARTE-Koproduktion sollte ursprünglich im Libanon ab 19. Januar im Kino gezeigt werden. Bericht einer chaotischen Produktion in einem chaotischen Land und Exklusiv-Interview mit Danielle Arbid über das Klima im Libanon, über ihren Kampf, aber auch über ihre Verdrossenheit.

  Den Film auf ARTE+7 (wieder-)sehen

Ende Dezember wurde der neue Film der Regisseurin Danielle Arbid vom Zensurausschuss des staatlichen Sicherheitsdienstes verboten. Die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe zwischen einer libanesischen Sängerin und einem französischen Anwalt enthält eindeutige Sexszenen, die bestimmte Bevölkerungsgruppen des Zedernlands schockieren könnten.

Das Motiv des Verbots ist jedoch ein anderes: Laut der Kommission ist die Handlung des Films problematisch hinsichtlich der Ermordung von Rafic Hariri (ehemaliger Ministerpräsident, getötet am 14. Februar 2005).  Die Kommission ist der Ansicht, dass dieses Thema, das im Film durch Spionageverdächtigungen gegen den Anwalt aufkommt, vermieden werden sollte, “bis die Untersuchung zur Ermordung des früheren Ministerpräsidenten abgeschlossen ist”.

Zensur ist im Libanon an der Tagesordnung. Filme von internationalem Interesse, wie “Pulp Fiction”, “The Inside Man”, “Waltz with Bashir” oder “Persepolis”, sind auch aus politischen Gründen ins Visier der Behörden geraten.

Damit ihr Film gezeigt werden kann, müsste die Filmemacherin alle Szenen, die auf dieses politische Ereignis anspielen, aus dem Film herausschneiden. Das kommt für sie nicht in Frage. Die meisten ihrer Filme sind zensiert worden. Sie hat der Entscheidung juristisch widersprochen. Sie wollte die Zensur nicht durch Verbreitung des Films im Internet umgehen. Denn ihr Ziel war es, einen juristischen Präzedenzfall zu schaffen.

Für ARTE offenbart Danielle Arbid die Probleme dieser Film-Produktion auf libanesischem Boden und erzählt, warum Beirut noch nachhinkt auf dem Weg zur “Arabischen Revolution”.

 Was sind die Argumente, Ihren Film zu verbieten, und was haben Sie unternommen, um sich zu verteidiguen?

Sie werfen mir vor, ich hätte eine andere Version gedreht, als ich angemeldet habe.
Wenn man im Libanon einen Film zeigen will, ist das sehr kompliziert. Bei einem Spielfilm muss man beim staatlichen Sicherheitsdienst, der dem libanesischen Innenministerium untersteht,  eine Drehgenehmigung beantragen. Ehe sie die Genehmigung erteilen, verlangen sie die Endfassung des Drehbuchs. Ich liefere nie ein endgültiges Drehbuch ab, denn es entwickelt sich ja ständig, ich ändere noch viele Dinge vor den Dreharbeiten. Wenn der Film dann gezeigt wird, holen sie das alte Drehbuch raus, das man ihnen am Anfang präsentiert hat, und sagen: “Das sieht im Film aber anders aus!” Eigentlich gibt es zwei Zensuren: eine beim Drehbuch und eine bei der Filmabnahme.

Ich habe beschlossen zu klagen. Sie sollen mir beweisen, inwiefern mein Film gefährlich ist für die Sicherheit des Libanon, ob ich wirklich etwas Neues sage über all die Sachen, die schon in den Zeitungen erschienen sind. Wir werden siegen, denn ihr Zensurausschuss ist eigentlich illegal. Nirgendwo steht im Gesetz geschrieben, dass der Staat Drehbücher für Spielfilme lesen muss, um Drehgenehmigungen zu erteilen. Sie sagen zwar: “Sie hat Dinge gedreht, die sie uns verheimlicht hat, die nicht im Drehbuch stehen.” Ich antworte: “Ihr Zensurausschuss ist illegal. Ich brauche Ihnen mein Drehbuch gar nicht vorzulegen.”

Bei meinen ersten beiden Spielfilmen hatte ich dasselbe Problem. Beim ersten wollten sie Dinge rausschneiden. Ich habe abgelehnt. Es gab lange Verhandlungen, und am Ende haben sie eingewilligt, den Film ab 18 Jahre freizugeben und nichts rauszuschneiden. Und beim zweiten wollten sie ganze Teile rausschneiden. Das habe ich auch abgelehnt. Ich finde, kein Film sollte beschnitten werden, wie schlecht er auch sei. Der Autor sollte selbst entscheiden, wo er schneidet und warum, nicht die Zensur. Bei “Beirut Hotel” sollten die Teile weggeschnitten werden, die mit Spionage zu tun haben, damit der Film im Libanon gezeigt werden kann. Ich bin in die heutige Realität im Libanon eingetaucht, denn ich fand, dass das, was ich vor zwei Jahren in den Zeitungen gelesen hatte, sich jetzt beim Schreiben anbot für eine Geschichte. Das war ein recht interessanter dramatischer Stoff. Aber ich wollte weder politische Parteien nennen noch mich auf irgendeine Seite schlagen noch irgendjemanden beschimpfen. Es ist kein blasphemischer Film.


Freie Meinungsäußerung ist demnach problematisch …

Ja. Eigentlich denkt man ja, der Libanon sei ein offenes Land. Ich selbst denke auch so, aber wir haben in Wirklichkeit ein sehr gefährliches und heimtückisches System. Selbst wenn man sein Drehbuch vorlegt, muss man zwanzig Mal antanzen, ehe man die Genehmigung bekommt. Man muss beweisen, dass man eine weiße Weste hat, dass man unschuldig ist. Als Künstler muss man beweisen, dass man nichts Subversives vorhat. Es soll praktisch ein Propagandafilm werden. Sie tun alles dafür, dass man ein schlechtes Gewissen hat, obwohl man doch nur kreativ sein will. Dabei müsste ein Land doch eigentlich stolz darauf sein, Künstler zu haben, und sollte sie unterstützen und finanzieren. Im Libanon gibt es für einen Film keinen einzigen Euro. Mir reicht es. Das Fass ist übergelaufen. Das ist der dritte Film, den ich nicht durchbekommen habe. Niemand hat je versucht zu klagen. Ich tue es, nach dem Prinzip: Was zu viel ist, ist zu viel.


Wovor haben die Libanesen Angst? Sie lassen Zoha am Anfang des Films sagen: “Hier haben alle Angst.” Das Volk hat Angst, aber die Machthaber anscheinend auch. Was geht da vor?

Im Libanon haben alle Angst, und alle hatten schon immer Angst. Der Libanon ist wie ein Sieb, wie ein Kartenhaus, denn wir haben einen Bürgerkrieg erlebt, und danach ist es uns nicht gelungen, einen soliden Staat aufzubauen. Wir sind immer noch abhängig davon, was in Syrien passiert und in Israel. Uns droht ein Krieg an der südlichen Landesgrenze. So ein Krieg kann jeden Tag ausbrechen. Dazu kommen enorme innere Probleme, die mit Ungleichheit zu tun haben, mit Unausgewogenheit, denn es gibt eine tiefe Kluft zwischen Reich und Arm, und mit der Verfassung des Libanon, die ziemlich kompliziert ist. Denn es gibt hier Christen, Muslime, Schiiten, Sunniten und Drusen. Und jede dieser Gemeinschaften hält einen Teil der Macht. Wenn die einen mehr werden als die anderen, verlangen sie einen größeren Anteil an der Macht, wogegen die anderen protestieren. Das ist ein dauerhaftes Problem. Ich habe Freunde, die beständig Angst vor dem nächsten Tag haben, ob sie nun arm oder reich sind. Gleichzeitig gibt es diese heikle fatalistische Einstellung, denn man ist ja an die Gefahr gewöhnt. Wir haben 15 Jahre mit dem Krieg gelebt, da gewöhnt man sich an so etwas. Und das ist tückisch, denn das bringt einen dazu, es zu mögen. Wir haben das Gefühl, auf einem Vulkan zu leben, der jeden Moment ausbrechen kann.

Die Zensoren wiederum haben vor etwas anderem Angst: vor der Fantasie, der Kreativität der Künstler. Das ist überall auf der Welt dasselbe. Aber im Libanon sind sie noch härter, weil das ein Grenzland zwischen Orient und Okzident ist. Daher ist unsere Lebensweise ziemlich verwestlicht. Es ist einerseits ein ultra-liberales Land, wo Geld eine enorme Rolle spielt, aber gleichzeitig gibt es eigentlich keinerlei staatliche Unterstützung, für niemanden. Es ist sehr schwierig, seinen Weg zu gehen im Libanon. Das ist ein hochkompliziertes Land.

 

Wo steht der Libanon im Kontext der arabischen Revolutionen? Wie ist die Sicht der Libanesen auf all diese Ereignisse?

Sie sind ein bisschen ratlos, wenn ich so sagen darf, denn die Libanesen wissen nicht, gegen wen sie kämpfen sollen. Es gibt nicht nur einen einzigen Machthaber, es gibt sehr viele. Und es gibt so viele korrupte Politiker. Die Macht ist aufgeteilt unter Leuten, die sich untereinander nicht einig sind, daher ist es schwierig. In Ägypten oder Tunesien konnte man eine einzelne Person absetzen, zumindest symbolisch. Es gibt eine französischsprachige Internetseite: “Gegen alle libanesischen Diktatoren”.  Es sind wirklich viele. Die ehemaligen Milizionäre aus dem Krieg sind heute größtenteils Minister geworden. Jeder repräsentiert seine Bevölkerungsgruppe, und jeder spielt mit der Angst der anderen.

An dem Tag, an dem diesen Ministern und Abgeordneten verboten wird, im Fernsehen zu erscheinen und sich zu beschimpfen und Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen zu schüren, an dem Tag werde ich akzeptieren, dass ich verboten werde.

Der Staat ist zu nichts gut, er schürt nur den Hass. Es gibt keinen Staat. Der Libanon ist ein Sieb, die Grenzen sind offen, jeder geht ein und aus. Das erzeugt einen Zustand der Paranoia, was ich in meinem Film zu erklären versuche. Beirut ist für mich eine paranoide Stadt. Sie können hier nicht vorhersagen, wie das Ende des Tages aussehen wird. Die Leute leben mit diesem Schicksal.


Haben die Revolutionen in der arabischen Welt dennoch Hoffnung geweckt?

Die Libanesen sind optimistisch veranlagt, sie sind es gewohnt, mit jeder Art von Schwierigkeiten umzugehen. Aber sie haben besonders große Angst vor den Auswirkungen der Situation in Syrien, einem Land, das enge Verbindungen mit dem Libanon hat, egal, ob das Regime nun fällt oder sich hält. Gibt es eine Wechselwirkung zwischen dem Libanon und Syrien, das ist die große Frage.


Wie definieren Sie “Demokratie”?

Meine Definition von Demokratie ist Freiheit, vollkommene Freiheit! Es ist vielleicht utopisch, aber ich finde, wir sollten frei sein in unseren Entscheidungen, frei zu handeln, frei, etwas zu schaffen und uns an die Öffentlichkeit zu wenden, gleich, ob diese das, was wir sagen, akzeptiert und mag oder nicht. Und bei jeglichem Problem sollte man nur der Justiz Rechenschaft schuldig sein und nicht Zensoren. Wir leben in einer Gesellschaft, die angeblich von einer so genannten Justiz beaufsichtigt wird. Ich glaube fest an dieses System, auch wenn es nicht immer perfekt ist. Ich sage nicht, dass es in Frankreich perfekt ist, keineswegs, aber dort gibt es ein Minimum an Gewähr. Im Libanon dagegen kann der Starke gewinnen und der Schwache zermalmt werden, und das kann Jahre so gehen.

 

Interview: Sabine Lange, Laure Siegel

© Picture : Palmira Escobar


 
Trailer “Beirut Hotel”

 


 
Filmmusik zu
“Beirut Hotel”

Den Soundtrack zu “Beirut Hotel” kann man sich auf iTunes runterladen.
Wir haben einen der beteiligten Musiker und Kompositoren in unserer Reihe über arabische Künstler porträtiert:  Zeid Hamdan



BIO

Regisseurin Danielle Arbid kam 1970 in Beirut auf die Welt. Mit 18 verließ sie den Libanon vor dem Ende des Bürgerkrieges für das Studium der Literaturwissenschaften in Paris, wo sie sich als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen und als Expertin der arabischen Welt etablierte. Seit 1998 ist Arbid Filmemacherin. Ersten Kurzfilmarbeiten (“Raddem” 1998) folgte im Jahr 2000 mit “Seule avec la guerre” eine Dokumentation für den ARTE-Themenabend “Nach dem Krieg”. “Dans les Champs de bataille”, nach “Linas” ihr zweiter Spielfilm, gewann 2004 und 2005 Preise in Mailand, Paris und Palm Springs. “Beirut Hotel” (2011) ist ihr aktuellster Spielfilm, eine ARTE-Koproduktion.

 

 


  LINKS

 
Danielle Arbid auf Facebook

Danielle Arbid Films auf Facebook

Facebookseite von “Unite Lebanon”, die zu einer nationalen Revolution aufruft

Artikel in Les Inrocks (in Französisch): Liban: “Beirut Hotel” de Danielle Arbid interdit de projection

Artikel in Courrier International (in Französisch): ‘Beirut Hotel’ censuré au Liban

Artikel in Now Libanon (in Englisch): Banning Beirut, again

“Hôtel Beyrouth” auf der Website der Produktionsfirma Films Pelléas

 

 

 

 

blog comments powered by Disqus